Montag, 13. August 2012

Das Schlangenkreuz und die geizige Bäuerin

„Die Gier is a Hund“, pflegte Dr. Kurt Ostbahn zu sagen, als er noch in Amt und Würden war. Das würde er vermutlich auch angesichts der folgenden Geschichte sagen, und das obwohl darin zwar die Gier, aber kein Hund vorkommt.
In St. Georgen im Lavanttal lebte eine Bäuerin, die so gar nichts von Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft hielt. Klopfte ein Bettler an ihre Tür, jagte sie ihn mit dem Besen davon. Nicht einmal eine Brotrinde hatte sie für einen Verhungernden übrig. Selbst in der Kirche gab sie keine Almosen. Wenn der Mesner ihr den Klingelbeutel unter die Nase hielt, drehte sie den Kopf weg. Viele hielten das für Hochmut. Aber in Wahrheit drehte die Bäuerin den Kopf und verkrampfte die Hände im Schoß, weil sie in den Klingelbeutel greifen und das Geld einstecken wollte.
Das gesparte Geld verbrauchte die Bäuerin nicht einfach. Sie legte es in eine Truhe, und schon nach ein paar Jahren quoll die Truhe über. Silberstücke, Goldmünzen und Kupferpfennige glitzerten und gleißten, sobald die Bäuerin den Deckel hochhob.
Eines Tages nahm sie ihren Mann an der Hand und führte ihn zur Truhe. Voll Stolz wollte sie ihm den Schatz zeigen, wollte mit ihm beraten, wofür man das viele Geld ausgeben könnte. Einen ganzen Bauernhof konnte man dafür kaufen, mit Kühen und Pferden und fruchtbaren Äckern. So würden sie noch reicher werden. Ja, wenn sie so darüber nachdachte, gab es eigentlich keinen Grund, warum sie nicht die reichste Bäuerin Kärntens werden sollte, jetzt, wo sie diesen Schatz hatte.
Die Bäuerin rieb sich die Hände und kniete nieder. Sie fasste die Ränder der Truhe.
„Du wirst sehen“, sagte sie zu ihrem Mann. „Ich habe gespart und nun sind wir reich. Wir können uns alles leisten, was auch immer wir wollen.“
Dann hob sie den Deckel der Truhe an. Sie hörte das Zischen in ihrer Aufregung gar nicht. Erst als sie den Deckel ganz angehoben hatte, sah sie es. Das Geld hatte sich verwandelt. Kein einziger Taler, keine Münze, nicht einmal ein Kupferpfennig war übrig. Schlangen quollen aus der Truhe, wanden sich über den Boden und krochen auf die Bäuerin zu. Sie schrie. Mitten in diesem Schrei sprang eine Schlange hoch, der Bäuerin direkt ins Gesicht, und bohrte sich durch ihr Auge in den Schädel.
Die Schlange nistete sich im Schädel der Bäuerin ein. Sie steckte ihren Kopf durch die leere Augenhöhle und züngelte. Wenn sich die Bäuerin zum Essen setzte, kam die Schlange heraus und fraß vom Teller der Bäuerin. Auf der Straße wichen alle vor der Bäuerin zurück. Die Menschen hatten Angst, die Schlange könnte sie anfallen und beißen. So ging das sieben Jahre lang. Jeden Tag, jede Stunde spürte die Bäuerin die Schlange in ihrem Kopf, und die ganze Zeit hörte sie das Zischen des Untiers. Sieben Jahre dauerte diese Qual, dann endlich starb die Bäuerin.

 
In St. Georgen erinnert ein Grabkreuz, das in einer Nische an der Einfriedung der Kirche zu sehen ist. Die Schmiedearbeit zeigt einen Totenschädel, aus dessen linkem Auge eine Schlange kriecht. Das Schlangenkreuz gilt als Mahnung gegen Gier und Geiz. Es scheint so, als hätten die Wenigsten diese Mahnung verstanden. Wir orientieren uns lieber an der Sage vom Reichtum für alle, vom Wohlstand der Nationen und an der Sage, die uns zuflüstert, dass wir nur reich genug sein müssen, um auch glücklich zu sein. Diese Sage, die wir täglich auf den Wirtschaftsseiten der Tageszeitungen lesen, verschweigt uns aber, dass auch für uns ein Bettler hungern muss, wenn wir unseren Reichtum horten.
Wie Jean Ziegler sagt, wird jedes Kind, das an Hunger stirbt, ermordet. Ermordet durch den Geiz und die Gier des Westens. Der Bäuerin sah man ihren Frevel an. Sie musste mit einer Schlange im Gesicht leben. Uns sieht man es noch nicht an, unseren Politikern sieht man es noch nicht an, dass sie alles an sich gerafft und dieses Land ausgeplündert haben. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. 







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