Donnerstag, 9. August 2012

Hesse im Blumengarten

Glaubt wirklich jemand, er hätte das Glasperlenspiel verstanden, als er es mit vierzehn oder sechzehn zum ersten Mal las? Ist tatsächlich jemand der Meinung, er hätte den Steppenwolf oder Siddharta in seiner gedanklichen und spirituellen Tiefe ausgelotet, als er die Bücher als Jugendlicher verschlang?
Freilich ist an dem Klischee etwas dran. Kaum jemand liest Hesse nach Vollendung des 25. Lebensjahres. Dieses Klischee beruht auf dem Vorurteil, Hesse sei ein Schriftsteller für die revoltierende Jugend. Historisch gesehen stimmt das in gewisser Weise sogar. Zuerst machten die Leser aus der Wandervogelbewegung Hesse populär, dann waren es die Hippies und auch die Friedensbewegung der 80er Jahre schöpfte aus Hesses Werk. Doch an diesem Leseverhalten sind eher die gesellschaftlichen Verhältnisse als die Texte schuld. Würde man Hesse ernst nehmen, könnte man sein Leben nicht so weiterführen wie bisher.
Die revolutionäre Kraft, das Aufrührerische in Hesses Texten liegt ganz weitab vom jugendlichen Aufbegehren. Hesse weist den Weg der Morgenlandfahrer. Die Revolution muss in der Seele stattfinden, dann ändert sich das Handeln von selbst. Das zeigt sich exemplarisch an Josef Knecht, dem Protagonisten des Glasperlenspiels. Erst als er das System durchlaufen, es verinnerlicht hat, erkennt er, dass man sich auch der besten Ideologie nicht überlassen darf. Niemals ist es erlaubt, sein Gewissen an der Eingangstür einer Partei, einer Firma oder einer Religion abzugeben.
Das ist das eine. Die Zerrissenheit des Menschen, seine unausgesetzte Verletzlichkeit ist das andere. Hesse zeichnet seine Figuren immer als Zerrissene, mit sich selbst und der Welt uneins. Auch das ist ja nicht besonders populär. Heute muss man ja ganz genau wissen, wer man ist und was man will, sonst kann man keine Karriere machen, sonst ist man nicht vorne dabei.
Die Ablehnung, die Hesse auch zum 50. Todestag entgegenschlägt, begründet sich ganz einfach. Der Mensch und Autor ist zu sperrig, er lässt sich nicht vereinnahmen und hinter der geschliffenen Prosa verbirgt sich ein Stachel. Das Titelbild des „Spiegel“ macht es deutlich. Der Anarchismus des Gartenarbeitens ist viel gefährlicher als alles revolutionäre Getöne. Denn da, in der Stille könnte man zu sich selbst kommen.
Hesse wieder zu lesen könnte einem die Augen öffnen. Wer vor den Romanen zurückschreckt, der soll doch einmal einen Blick in „Politik des Gewissens“ werfen.

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