Dienstag, 21. August 2012

„Ich gehorche nicht und werde nicht gehorchen.“


Hermann Hesse war ein Sturschädel. Die Häme, die auch 50 Jahre nach seinem Tod über ihm ausgegossen wird, resultiert zu einem bedeutendem Maß daraus, dass man den Ansprüchen Hermann Hesses nicht gerecht werden kann. Früher sah man zu Menschen wie ihm auf, heute versucht man, sie zu sich herunterzuziehen. Man ist zu einer so unbequemen und kompromisslosen Haltung nicht bereit. Deshalb mutmaßt man, Hesse sei zwar in seinen Schriften ein Morgenlandfahrer, ein Rebell der Innerlichkeit gewesen, aber in seinem Leben hätte auch er diese Position nicht durchgehalten.
Wer das glaubt, täuscht sich. Schon mit 13 wusste Hesse, er wollte Dichter werden, und wenn das nicht, dann wollte er gar nichts werden. Der Dreizehnjährige hatte vielleicht eine noch eher vage Vorstellung vom Dichtertum, aber er hatte eine Ahnung, wie man Dichter wird, welchen Weg man einschlagen muss und dass dieses Unterfangen nicht leicht sein wird. Einsamkeit, Selbstbeobachtung und Zweifel, unablässiges Lernen und Forschen, so fing Hesse seine Lehrzeit als Dichter an. Das Forschen bezog sich dabei eben nicht nur auf andere und blieb nicht wie bei Wissenschaftlern etwas Abgetrenntes, sondern jede Erkenntnis, jedes Erlebnis betraf Hesse selbst.
Es ist kein Wunder, dass er aus dem Internat in Maulbronn nach sieben Monaten flüchtet. Er rennt in den Wald, wird aufgegriffen und landet in der Irrenanstalt Stetten. Zuvor hatte er sich noch einen Revolver besorgt. Er wollte sich erschießen.
Das ist der Stoff, aus dem „Unterm Rad“ geschmiedet ist. Die Qualen des freien Menschen, der sich nicht beugen will, sind hier so exemplarisch verdichtet wie sonst kaum. Außerdem begründet Hesse damit ein Romangenre, das in „Der Schüler Gerber hat absolviert“ und Friedrich Torberg und „Der Fänger im Roggen“ von J.D. Salinger weitere Höhepunkte findet.
Ein Merkmal des Dichtertums ist es auch, aus dieser Hölle verletzt aber lebend hervorzugehen. Das ist auch eine Eigenschaft des Schamanen. Der Schamane kann jene Krankheiten heilen, die er selbst überwunden hat. Wie der Schamane kann auch Hermann Hesse den Weg zur Erkundung der Innenwelt weisen. Karen Armstrong, die bedeutende Religionswissenschaftlerin, hat wohl an Dichter wie Hesse gedacht, als sie in „Eine kurze Geschichte des Mythos“ meint, wenn die religiösen Führer und Institutionen versagen, dann müssen Schriftsteller und Künstler an ihre Stelle treten und der Gesellschaft spirituelle Wege aufzeigen. Hesse tat das in vielen Belangen. Nicht nur in seinen Büchern. Und Hesse lebte vor, dass Veränderung und Revolution nichts für Maulhelden ist. Er stellte sich gegen den ersten Weltkrieg und verlor die deutsche Staatsbürgerschaft, wurde als Vaterlandsverräter geschmäht, und seine Bücher landeten unter den Nazis am Scheiterhaufen. Hesse treibt aber auch vielen selbsternannten Ökofreaks die Schamröte ins Gesicht, denn er praktizierte, wovon andere nur reden, und pflanzte in seinem Garten an, was er zum Leben brauchte.
In seinem Protest war und blieb er Einzelgänger. Seine Idee der Morgenlandfahrer illustriert diese Haltung. Manchmal geht man ein Stück des Weges miteinander, aber man verbrüdert sich nicht, man gibt nicht seine Meinung auf, um in einer Partie zu sein. Der Mensch muss ein Störenfried sein, und wenn zwei derselben Meinung sind, dann irrt mindestens einer. Deshalb schloss sich Hesse auch keiner Protestbewegung an. Er wurde von ihnen gefeiert, aber er hätte sich weder der Friedensbewegung noch einer aktuellen Gruppierung angeschlossen.
Hesse als Heiliger? Aber nein. Seine erste Ehe scheitert, seine zweite genauso. Erst die dritte Ehe mit Ninon hielt, weil die beiden in einem Doppelhaus lebten und einander treffen aber auch aus dem Weg gehen konnten.
Er kann mit anderen Menschen nicht viel anfangen und sein Eigensinn und seine Zerrissenheit machen ihn zu einem schwierigen Partner. Auf Siddharta folgt der Steppenwolf und das Glasperlenspiel, und die Analyse bei Professor C.G. Jung hat Hesse nicht beruhigt. Die Innenschau macht aus ihm keinen abgeklärten Heiligen, sondern einen hellsichtigen Sucher. Hesses Literatur hat nichts Süßliches. Die Romantik legt sich nur wie ein feiner Schleier über die Klüfte menschlicher Existenz. Hesse wird noch vielen Generationen Orientierung und Hilfe sein. Er ist einer der ersten, von denen Karen Armstrong spricht. Der Schriftsteller als Schamane, als spiritueller Held und Abenteurer, und damit erklimmt die Kultur eine neue Stufe. Was einst verbunden war und dann getrennt wurde, vereint sich wieder. Kunst und Spiritualität nähern sich, und dabei sehen wir, dass Spiritualität eine tiefgreifende Revolte darstellt, ein radikales Aufbegehren: „Ich gehorche nicht und werde nicht gehorchen.“


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