Sonntag, 12. August 2012

Marquis de Sade und die Politik

„Das wäre doch ein recht närrischer Staatsmann, der sich seine Vergnügungen nicht vom Staate zahlen ließe; was kümmert uns das Elend des Volkes, wenn wir nur unsere Leidenschaften befriedigen können? Wenn ich wüsste, dass aus ihren Adern Gold flösse, ich würde einen nach dem anderen zur Ader lassen, um meine Goldgier sättigen zu können“, lässt de Sade einen Minister in „Juliette“ sagen. Der Roman wurde 1796 in Frankreich veröffentlicht. Wüsste man das nicht, könnte man glatt denken, die Aussage sei auf amtierende Politiker gemünzt. Eines jedoch unterscheidet unsere Politiker von de Sades Suchern nach einem perversen Übermenschentum: Unsere Politiker wissen nicht, dass sie Sadisten sind. Wüssten sie es, müsste man ihre Taktik als besonders üblen, hinterhältigen Schachzug bewundern. Den Menschen einzureden, es geschehe alles nur zu ihrem Besten, und ihnen dann die letzten Euro aus der Tasche zu ziehen, oder den Mindestpensionisten zehn Euro wegzunehmen, um dann sich selbst und seinen Freunden das so gewonnene Geld zuzuschanzen – ja das kann man schlecht als etwas anderes als angewandten Sadismus klassifizieren.
Sadismus erschöpft sich nicht in sexueller Abweichung. Marquis de Sade sah in sexuellen Ausschweifungen bloß den Gipfel der Selbstbefreiung. Grundlegend sind andere Dinge. In „Die Philosophie im Boudoir“ liefert de Sade die politische und weltanschauliche Quintessenz seiner den Libertins gewidmeten Lehre. Das klingt dann wie das geheime Parteiprogramm einer hier nicht namentlich genannten Partei.
Diebe soll man nicht bestrafen, meint de Sade. Warum nicht? Nun, die hätten durch ihre Taten doch Mut und Geschicklichkeit bewiesen. Der Diebstahl sei eine Tugend der Krieger und außerdem noch sozial. Wer die Reichen bestiehlt und den Armen gibt, sorgt für soziale Gerechtigkeit, trägt zum Ausgleich in einer Gesellschaft bei.
Gleichzeitig plädiert de Sade für die Abschaffung aller Moralvorschriften, die sich gegen die „Zügellosigkeit“ stellen. Denn Moral bedeute immer Gewalt. Man müsse die Menschen mit Gewalt den Regeln eines Staates unterwerfen, und deshalb bedeute Moral nichts anderes als Krieg.
Denkt man diese beiden Punkte zu Ende, gelangt man zu einer Raubtiergesellschaft. Zerstöre alles, was dir im Wege steht. Nimm dir, was auch immer du haben willst, und vernichte deine Feinde so gründlich, dass sie sich nie wieder erholen. Begegne deinen Gegnern mit Verachtung und gib sie der Lächerlichkeit preis. Denn wer lächerlich ist, ist kein Gegner mehr, sondern ein Opfer.
De Sade fordert von seinen Anhängern die rücksichtslose Befriedigung der eigenen Gier. Was wir hier vor uns haben, ist eine Raubtierpolitik. Sie hat das Modell des Neoliberalismus aus der Wirtschaft in die Politik getragen, hat die Politik mit der Wirtschaft so eng verzahnt, dass auf beiden gesellschaftlichen Feldern nur mehr der eigene Vorteil bzw. der Vorteil des eigenen Rudels gilt. Wir sehen die Auswirkungen dieses menschenverachtenden Systems jetzt nicht nur an den verhungernden Kinder in der Sahelzone, sondern direkt vor unserer Haustüre. Wir sehen die Auswirkungen, weil sich auch die geschicktesten Sadisten nicht ewig hinter Worthülsen verstecken können. Irgendwann brechen die Eiterbeulen auf, und dann sieht man das unappetitliche Schlamassel. 

Marquis de Sade, „Die Philosophie im Boudoir“ ist wahrlich kein Lesevergnügen und nur jenen zu empfehlen die sowohl starke Magennerven wie auch Interesse an der Literatur ihrer Feinde haben.

Wer sich für den aktuellen politischen Sadismus interessiert, sollte Jean Ziegler lesen. Nirgends sonst wird dieses System so anschaulich erklärt und entlarvt. 






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