Sonntag, 28. Oktober 2012

Über die Grenzen

In Kärnten, Slowenien und Friaul finden wir sehr viele Sagen, die hier wie dort, diesseits wie jenseits der Karawanken gleich oder sehr ähnlich erzählt werden. Es existieren aber auch einzelne Geschichten, die ganz spezifisch für die jeweilige Region sind. Obwohl es auch andernorts Sagen über weiße Gamsböcke gibt, gehört der Zlatorog einfach zum Triglav. Nur dort entfaltet die Geschichte ihren vollen Umfang. Vor allem aber die Sagen von den Hundsköpfigen sind ganz auf Slowenien und den Norden Kroatiens beschränkt, ein Beispiel ist auch in Kärnten überliefert.
In Friaul stoßen wir auf die Benandanti, jene Hexen und Zauberer, die für die Fruchtbarkeit kämpfen. Nur im oberitalienischen Raum und in Istrien finden wir noch Spuren dieses Fruchtbarkeitskultes.
Die Gemeinsamkeiten überwiegen allerdings, und das ist wenig verwunderlich. Die Saligen und die Vilen helfen hüben wie drüben bei der Ernte und verteilen ihre wundersamen Geschenke. Die Burgfräulein und verwunschenen Schlangen sind in den slowenischen Burgruinen ebenso zu Hause wie in den kärntnerischen.
Die Ähnlichkeiten, der Gleichklang der Geschichten ebenso wie die unterschiedlichen Akzente haben mit der politischen Geschichte der Region zu tun. Über die Zeit vor der keltischen Besiedlung ist wenig zu sagen, aber wir wissen, dass zwischen dem heutigen Kärnten und dem heutigen Slowenien ein reger Handelsverkehr herrschte. Die Karawanken waren schon damals kein Hindernis. Die Veneter und die Illyrer hinterließen deutliche Spuren in Kärnten. In der Zeit der keltischen Eroberung, zur Zeit des römischen Imperiums und dann im Königreich Karantanien, wir reden hier immerhin von einem Zeitraum von etwa 1200 Jahren, herrschte weitgehend politische und wirtschaftliche Einigkeit in der Region.
Das Mittelalter kümmerte sich auch nicht um Nationen oder Volksstämme. Das ganze Mittelalter hindurch bildeten Kärnten, Krain und die Markgrafschaft Friaul unter wechselnden Bedingungen eine Einheit. Unter den Habsburgern, weitere 700 Jahre, gab es zwar wie im Mittelalter Verwaltungsgrenzen, aber diese wirkten sich kaum auf die gemeinsame Kultur aus.
Es scheint mir also aus historischer Sicht legitim, von einer Alpen-Adria-Region zu sprechen und dazu Kärnten, Slowenien, Friaul und Teile von Istrien, die zu Friaul gehörten, zu zählen.
Erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts, mit dem Aufkommen der Idee des Nationalstaates, begannen sich Kärnten, Slowenien und Friaul auseinander zu entwickeln. Ein entscheidender Schritt in diesem Prozess waren ganz sicher der sogenannte Kärntner Abwehrkampf und der Deutschnationalismus der Kärntner Führungsschicht. Schon sehr früh wandte man sich in Politik und Wissenschaft dem Deutschnationalismus zu und beäugte die Bildung einer slowenischen Nation mit Besorgnis und Angst.
Dieses Buch erscheint in einer Zeit, in der die Nationalstaaten Europas in Frage gestellt werden. Mit der Europäischen Union verlieren nationale Regierungen immer mehr an Bedeutung, und die Bevölkerung wird dazu angehalten, sich auch und immer mehr als Europäer und nicht nur als Österreicher, Slowene, Italiener zu fühlen. Diese europäische Einigkeit existiert zur Zeit vor allem in den Köpfen und eher nicht in den Herzen der Menschen. Dort aber muss das Gefühl der Einigkeit, der Gemeinsamkeit Wurzeln schlagen, sonst bleibt Europa eine Kopfgeburt.
Sagen führen aber genau dorthin, ins Herzzentrum einer Kultur. In ihnen ist die Weisheit von Generationen aufgezeichnet, sind die Erzählmuster festgelegt, die eine Kultur ausmachen, sie formen und vorantreiben. Die Welt, wie sie uns erscheint, ist eine Erzählung, und diese Erzählung fußt auf den alten Mythen.
Auf den ersten Blick könnten wir die Idee, die Sagen könnten etwas zum Frieden und zur Einigkeit in Europa beitragen, zwar für romantisch aber wenig hilfreich halten. Wir erzählen doch immer neue Geschichten. Jeden Tag werden wir mit Nachrichten überschüttet. Alles ist immer wieder neu und anders, und wir sind damit beschäftigt, uns in einer Welt zurechtzufinden, die sich schneller ändert, als eine Ziege mit dem Schwanz wedeln kann.
Doch in diesem Wirbel aus Schreckensmeldungen und Jubel, mitten in dem nicht abreißenden Strom von technischen Erfindungen und politischen Neuerungen bewegen wir uns immer noch auf den alten Traumpfaden. Wir begegnen den Saligen, den Drachen und Wassermännern, schließen einen Pakt mit dem Teufel und werden von Vampiren heimgesucht. Nur haben wir diesen Begegnungen und Ereignissen neue Namen gegeben.
Noch immer jagen wir dem Reichtum hinterher wie der Geizkragen in der friulanische Sage um den Orcul. Der Kampf des slowenischen Halbgottes Kresnik gegen den Drachen, seine Abenteuerfahrten und die Prinzessin, die er am Ende erringt, folgen einem sehr alten und sehr hartnäckigen Muster. Es erinnert an die klassischen Helden, an Herkules, an Parzival und Siegfried. Aber auch jeder Actionfilm ist nach diesem Muster gestrickt. Wenn Bruce Willis wieder einmal auszieht, um die Welt zu retten, dann folgt er bzw. die Figur, die er verkörpert, auch diesem Traumpfad.
Ich beschäftige mich mit Sagen, mit Mythologien und Religion, weil ich davon überzeugt bin, dass uns diese Geschichten unmittelbar betreffen, unser Leben in seinen innersten Strukturen bestimmen. 


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