Mittwoch, 7. November 2012

Von glücklichen Drachen und nassen Füßen

Vor langer Zeit, so erzählt man sich, hauste oben im Maltatal ein großer Drache. Er lebte in einem See, der zwischen den Berghängen aufgestaut war. Dieser Drache war weder besonders bösartig, noch war er besonders nett. Er war eben ein Drache, und er fraß gelegentlich ein Schaf oder eine Kuh. Aber die Menschen konnten sich nicht damit abfinden, und deshalb versuchten sie, den Drachen zu töten.
Der Drache wurde wütend, zerbrach den Felswall, der das Wasser zurückhielt, und das ganze Maltatal ging in einer riesigen Flut unter. Die Stadt Malta wurde weggeschwemmt. Menschen und Vieh ertranken.
Die Sage erzählt eine Geschichte von heute. Der Drache, die Naturgewalt fordert ihren Raum und lässt sich nur bis zu einem gewissen Grad beherrschen. Mit einem Drachen geht man vorsichtig und respektvoll um, man zwängt ihn nicht in einen Käfig, und man kitzelt ihn nicht an der Nase.
Die Verwüstung Lavamünds ähnelt der Sage vom Untergang der Stadt Malta. Auch hier wurde ein Drache über Jahre und Jahrzehnte gereizt, eingezwängt und in seinem freien Leben gehindert. Wenn man ernsthaft darüber nachdenkt, so gibt es immer mehrere Ebenen von Ursachen. Es mag sein, dass irgendein Gesetz und seine Anwendung Mitschuld an dem Hochwasser in Lavamünd haben. Mag auch sein, man hätte vieles durch beherztes Handeln verhindern können. Aber hinter dieser Ebene gibt es eine weitere. Eine Ebene, auf der sich die Frage nach unserem Umgang mit der Umwelt und unserem Verhältnis zur Natur stellt. Die Sage vom Drachen im Maltatal führt uns sozusagen bildhaft vor Augen, was geschieht, wenn wir handeln, als ob wir die Natur jemals besiegen könnten. Ja sie weist uns den Weg zu einer Erzählung, in der es nicht mehr um Sieg oder Niederlage geht. Die alte Weisheit ist heute fast vergessen. Es hat keinen Sinn, einen Drachen zu töten oder in einem Käfig zu sperren. Nur wer es schafft, sich den Drachen zum Freund zu machen, wird glücklich. Sonst gilt: Wer mit dem Feuer spielt, verbrennt sich, und wer sich mit dem Wasser anlegt, bekommt nasse Füße.



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