Sonntag, 16. Dezember 2012

Die Feenharfe

Morgan ap Rhys war ein altes Raubein. Er trank gerne einen über den Durst, und er hatte nicht die feinsten Manieren. Das Schlimmste war aber sein Gesang. Er sparte sich die Mausefallen, denn seine Stimme war so schrill, das selbst die Mäuse und Ratten davonliefen, wenn der alte Morgan auch nur einen Ton sang.
Am meisten ärgerte Morgan aber das Urteil eines Barden. Der hatte gesagt, Morgans Stimme klinge wie das Muhen einer altersschwachen Kuh oder wie das Bellen eines blinden Hundes, dem man auf den Schwanz getreten ist.
Das wollte Morgan dem Barden heimzahlen. Er wusste bloß noch nicht wie. Doch dann ergab sich eine ungewöhnliche Gelegenheit. Und das kam so:
Eines Tages saß Morgan alleine in seinem Haus und sang. Seine Frau hatte rechtzeitig das Weite gesucht. So saß er also und sang, und zwischendurch trank er sein Bier. Da klopfte es. Da Morgan aber gerade mitten in einem Lied war, antwortete er nicht. Als das Lied aus war, klopfte es wieder.
„Na, dann komme halt herein, wer draußen ist“, rief Morgan.
Die Tür ging auf und drei müde Wanderer traten ein.
„Oh, wir wollen nicht stören. Fragen nur, ob Ihr einen Happen zu essen habt für uns“, sagte einer der Wanderer.
„Dort trüben ist der Käse und das Brot“, grummelte Morgan. „Das Messer liegt daneben. Bedient euch selbst. Soll keiner sagen, der alte Morgan würde einen Wanderer hungrig weiterziehen lassen.“
Die drei Wanderer waren aber niemand anderes als drei Feen. Sie bedankten sich für die Gastfreundschaft und sagten: „Morgan, Ihr habt einen Wunsch frei. Wir wollen ihn Euch gerne erfüllen.“
Da überlegte der alte Morgan hin und her.
„Na ja“, sagte er endlich. „Wenn ich eine Harfe haben könnte, die lustige Lieder spielt, ich meine, spielt, ohne dass ich groß was tun müsste. Das wäre schon fein.“
Er hatte seinen Wunsch noch kaum geäußert, stand die Harfe auch schon vor ihm. Die Feen aber waren verschwunden.
Bald hatte es sich im ganzen Land herumgesprochen. Der alte Morgan spielte jeden Abend zum Tanz, und alle mussten tanzen, bis er aufhörte zu spielen. Solche Macht hatte seine Musik.
Das hörte auch der Barde. Ja, genau jener, der den alten Morgan so beleidigt hatte. Er wollte sich das unbedingt anhören. Der alte Morgan, dachte er sich, was wird der schon zuwege bringen.
Als Morgan den Barden unter den Gästen sah, wusste er, dass die Zeit der Rache gekommen war. Er spielte, wie er noch nie gespielt hatte. Sogar die Lahmen sprangen von ihren Bänken auf und begannen zu tanzen. Auch der Barde konnte sich der Musik nicht entziehen. Alle tanzten, dass ihnen der Schweiß in Strömen übers Gesicht lief. So hoch sprangen sie, dass sie sich die Köpfe an den Dachbalken stießen.
„He, Morgan, hör auf, wir können nicht mehr“, riefen die Leute.
Aber Morgan spielte weiter. Einige waren so erschöpft, dass sie nur mehr am Boden lagen und mit Armen und Beinen zuckten. Morgan hatte kein Mitleid, er spielte und spielte.
Erst als sich der Barde so verausgabt hatte, dass er stürzte und sich ein Bein brach, nahm Morgan die Hände von der Harfe.
Sehr zufrieden mit seiner Rache legte sich Morgan schlafen. Als er am nächsten Tag nach seiner Harfe sah, konnte er sie nicht mehr finden. Die Feen hatten sie wieder zurückgeholt, denn Morgan hatte sich des Geschenks nicht würdig erwiesen.


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