Sonntag, 2. Dezember 2012

Die Huldrenprinzessin auf Selö

Die Insel Selö steuerten die Fischer nur im Sommer und Herbst an. Es war auch zu dieser Zeit noch gefährlich genug. Eine raue See, ein Sturm genügte, und man saß für Wochen auf der Insel fest – wenn man nicht schon zuvor mit seinem Boot an den Klippen zerschellte.
So ging es auch einmal einem Fischer kurz vor dem Wintereinbruch. Er konnte sich nur mit letzter Not aus dem aufgewühlten Meer an das Ufer der Insel retten. Durchnässt, durchgebeutelt und zu Tode erschöpft kroch er den Strand hinauf. Nur weg vom Meer.
In einer Hütte fand er Unterschlupf. Doch es wurde ihm ziemlich bald klar, dass er in diesem Bretterverschlag unmöglich den Winter überleben konnte. Die Eisstürme würden durch jede Ritze dringen. Auch hatte er nichts zu essen.
Aber er wurde gerettet. Eine der Huldren hatte ihn beobachtet, und sie dachte wohl das Gleiche wie er. Außerdem gefiel er ihr. So brachte sie ihn in das Schloss ihres Vaters.
Bei der Sache gab es nur ein einziges Problem: Der Vater durfte nie erfahren, dass ein Mensch in seinem Palast war. Deshalb versteckte die Feenprinzessin den Fischer in einem Zimmer hoch oben in einem Turm.
Dort lebte der Fischer frisch und fröhlich. Die Huldre brachte ihm zu essen und zu trinken, und die beiden verstanden sich auch sonst gut.
Dann aber kam Weihnachten immer näher.
„Du musst mir eines versprechen“, sagte die Fee. „Egal was auch passiert, sieh am Weihnachtsabend nicht aus dem Fenster. Wenn mein Vater dich entdeckt, musst du sterben, und ich werde verstoßen.“
Er versprach es ihr hoch und heilig. Aber als es dann so weit war, konnte er doch nicht widerstehen. Die Neugierde war einfach zu groß.
Was er sah, nahm ihm den Atem. So ein herrliches Fest hatte er noch nie beobachtet.
„Du hast dein Versprechen nicht gehalten“, schimpfte die Fee am anderen Tag. „Aber wir haben Glück. Mein Vater hat nichts bemerkt. Zu Silvester findet wieder ein Fest statt. Beherrsche dich wenigstens diesmal.“
Aber wieder war die Verlockung groß. Noch schöner und prächtiger klang die Musik zu ihm herauf. Er konnte nicht anders. Wenigstens einen Blick musste er riskieren.
So ging das bis ins Frühjahr. Der König hatte nichts vom Aufenthalt des Fischers mitbekommen.
Als der erste Sommertag kam, geleitete die Feenprinzessin den Fischer wieder zurück an den Strand.
„Nur eines erbitte ich noch von dir“, sagte sie zu ihm. „Ich erwarte ein Kind von dir. Wenn du gefragt wirst, dann bekenne dich zu dem Kind. Kann ich dem König nicht sagen, wer der Vater ist, so wird er mich töten.“
Auch das versprach der Fischer. Aber wir ahnen schon, wie die Geschichte weitergeht.
Eines Sonntags in der Kirche stand eine Wiege neben dem Altar. Eine goldene Decke lag über dem Kind.
„Wer ist der Vater dieses Kindes?“, fragte der Pfarrer. „Auf welchen Namen soll ich es taufen?“
Der Fischer, der sehr genau wusste, dass dies nur sein Kind sein konnte, schwieg.
„Ich weiß, wessen Kind es ist“, sprach der Pfarrer weiter, „aber ich kann es nur taufen, wenn der Vater sich zu seinem Kind bekennt.“
Wieder schwieg der Fischer.
Da erhob sich ein Sturm in der Kirche. Kurz nur erschien das Bild der Feenprinzessin. Sie riss die Wiege an sich, und im Nu war alles verschwunden. Nur die goldene Decke blieb vor dem Altar liegen.


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