Sonntag, 9. Dezember 2012

Frau Holle in Afrika


Marwe und ihr Bruder bewachten das Bohnen- feld ihrer Eltern. Sie waren mit Stöcken bewaffnet, um die Affen zu vertreiben. Die Affen machten sich einen richtigen Spaß daraus, sich von den Bäumen herunterzuschwingen und den Menschen ihre Früchte zu stehlen. Aber für die Menschen war das gar nicht lustig. Wenn sie die Affen nicht abwehren konnten, mussten sie verhungern.
Da sich keine Affen blicken ließen, hatten Marwe und ihr Bruder Zeit, Ratten zu jagen. Sie erschlugen sie mit ihren Stöcken und brieten sie über einem Feuer. Das war zwar kein Festmahl, aber immerhin knurrte der Magen nicht mehr.
Jetzt plagte sie der Durst. Der Brunnen befand sich aber ein gutes Stück vom Feld entfernt. Die Geschwister dachten, die Affen würden sich jetzt wohl nicht mehr blicken lassen, und gingen gemeinsam zum Brunnen.
Die Affen hatten aber nur auf diese Gelegenheit gewartet. Keine einzige Bohnenschote war mehr an den Stängeln, als Marwe und ihr Bruder zurückkamen.
„Was sollen wir jetzt tun?“, fragte Marwe. „Wenn unsere Eltern das sehen, werden sie uns erschlagen. Lass uns in den Brunnen springen.“
Aber ihr Bruder wollte sich zuerst lieber verstecken und die Eltern belauschen.
Als die beiden am Abend nicht nach Hause kamen, gingen die Eltern hinaus auf das Feld und sahen die Verwüstung.
„Oh, diese unnützen Kinder“, rief die Mutter aus. „Wenn ich die beiden erwische, werde ich sie erwürgen.“
Die Kinder hörten gar nicht mehr weiter zu, sondern liefen zu dem Brunnen. Marwe überlegte nicht lang und sprang hinein. Ihren Bruder aber verließ der Mut. Er rannte nach Hause.
„Marwe ist in den Brunnen gesprungen“, schrie er. „Marwe ist ertrunken.“
Der Zorn über das zerstörte Feld war vergessen. Die Mutter brach in Tränen aus, und der Vater lief zum Brunnen.
„Marwe, komm nach Hause“, rief er. „Wir können die Bohnen doch wieder neu pflanzen. Marwe, hörst du mich? Wir sind dir nicht böse.“
Aber er erhielt keine Antwort. Denn Marwe war mittlerweile am Grund des Brunnens angelangt. Dort am Grund des Brunnens war eine Öffnung, und durch die schwamm Marwe hindurch. So gelangte sie in das Land der Alten Frau.
Die Alte Frau war eine Feenkönigin, und sie begrüßte Marwe. Im Schloss der Feenkönigin gab es noch viele andere Mädchen, und die Feenkönigin schickte sie mit Marwe hinaus, um Brennholz zu sammeln.
„Geh ruhig mit ihnen. Du musst ihnen aber nicht helfen“, sagte die Feenkönigin zu Marwe.
Doch Marwe wollte nicht bevorzugt werden. Sie half fleißig bei der Arbeit, nahm aber nie etwas zu essen an. Sie wusste, dass sie hier weder etwas essen, noch etwas trinken durfte, wenn sie jemals wieder zu den Menschen zurück wollte. Nahm sie auch nur ein Stück Brot, so musste sie für immer bei der Feenkönigin bleiben.
So vergingen Tage und Wochen. Marwe fand es schön im Reich der Feenkönigin, aber so recht wohl fühlen konnte sie sich hier nicht.
„Ich möchte wieder zurück“, sagte sie deshalb zur Feenkönigin.
„Gut“, sagte die Alte Frau. „Du darfst dir vorher noch etwas wünschen. Was möchtest du, das Kalte oder das Heiße?“ Sie zeigte auf zwei Töpfe mit Wasser.
„Das Kalte“, antwortete Marwe, ohne zu überlegen.
„Dann steck deine Hand in den Topf.“
Marwe tat es, und als sie ihre Hand wieder herauszog, funkelte ein Armband an ihrem Handgelenk.
„Nun die Füße“, sagte die Feenkönigin.
Als Marwe nun festlich geschmückt vor ihr stand, gab ihr die Feenkönigin noch ein Geheimnis mit auf den Weg.
„Wenn du aufwachst, wirst du wieder bei dem Brunnen sein, in den du gesprungen bist. Die Leute werden kommen, um dich ins Dorf zu holen. Gehe nicht mit ihnen mit. Warte auf einen Mann, den sie Sawoye nennen.“
Es kam alles so, wie die Feenkönigin es vorausgesagt hatte. Wirklich umringte sie bald eine aufgeregte Schar von Menschen. Man hatte noch nie so ein schönes und reich geschmücktes Mädchen gesehen. Der Häuptling selbst kam, um Marwe abzuholen. Sie aber weigerte sich.
„Nein, ich gehe nur mit einem Mann, der sich Sawoye nennt“, beharrte sie.
„Sawoye, Sawoye“, wunderten sich die Leute. „Wer kann das nur sein?“ Bis sich jemand erinnerte, dass doch der Einsiedler draußen im Dschungel so hieß.
Man schickte nach ihm. Als er dann auftauchte, waren die Leute erstaunt, dass so ein hübsches und reiches Mädchen nach diesem Bettler verlangte. Aber Marwe zögerte keinen Augenblick und vertraute der Feenkönigin. Sie warf sich Sawoye an den Hals und küsste ihn.
Marwe und Sawoye heirateten, bauten ein Haus und kauften die größte Viehherde, die man in dieser Gegend je gesehen hatte.

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