Freitag, 7. Dezember 2012

Noch einmal für Thukydides

Zum 70. Geburtstag wird allüberall über Peter Handke geschrieben und seine wichtigsten Werke aufgezählt. Niemand nutzt aber die Gelegenheit, um auf eines seiner schönsten Bücher hinzuweisen. „Noch einmal für Thukydides“ ist ein schmaler Band, zuerst 1995 im Residenz Verlag erschienen, und wie kein anderes Werk Handkes versucht es den Epos des Friedens.
Über den Frieden – und die damit verbundene spektakuläre Alltäglichkeit – zu schreiben, ist ein großes Projekt Peter Handkes, sein Lebensprojekt vielleicht. In der öffentlichen Diskussion ist davon kaum die Rede, aber seine Leser wissen es. Es geht um das Fallen des Schnees in Aomori in Japan, um einen Papagei, der in Patras in einem Baum sitzt und seinem Besitzer zärtlich zugurrt. Es geht um das Verladen von Ziegelsteinen im Hafen von Dubrovnik und immer wieder um den Wind. Peter Handke versteht es, uns das Schauen, das Lauschen und das Schmecken noch einmal zu lehren und uns Sehnsucht nach den einfachen Dingen zu machen. Das Donnern über Brazzano in Friaul, das Stunden anhielt, erscheint wie eine Befreiung, denn wir wünschen uns, dort zu sitzen und dem Donner zuzuhören, den Mut zu haben, uns die Zeit zu nehmen und zu lauschen und die Wolken zu beobachten, wie sie sich zusammenballen, wie sie die Farbe wechseln und dann ausregnen.
Und was hat das mit Thukydides zu schaffen? Nun, wie Thukydides über den Peloponnesischen Krieg berichtete (immerhin sieben sehr dicke Bände), so ausführlich und so genau möchte Peter Handke über den Frieden schreiben. Was hier als Epopöe beginnt, wächst in „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ zum ersten Mal zum Epos.
Der 70. Geburtstag ist Gelegenheit genug, sich mit diesem wichtigen Aspekt seines Schaffens zu beschäftigen. Vielleicht gehen darüber den Lesern die Augen auf, und sie lesen hinter und durch den Text tatsächlich eine Geschichte des Friedens, die viel heroischer und schöner ist als das Gemetzel auf den Schlachtfeldern.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen