Sonntag, 23. Dezember 2012

Satan Claus und die chinesischen Weihnachtselfen

Weihnachten ist schon längst das Hochfest des Raubtierkapitalismus. Wir erzählen eine Geschichte von Überfluss und Ausbeutung und wundern uns, dass die Nächstenliebe und das Mitleid nur mehr als Dekoration für unsere Unersättlichkeit dienen.

Die Geschichte von Santa Claus und den Weihnachtselfen ist ein zentraler Bestandteil amerikanischer Mythologie. Unterstützt von Hollywood und der Werbeindustrie schwappt die Erzählung vom Weihnachtsmann und seinen Elfen über den Atlantik und setzt sich in unserem Alltag fest. Santa Claus und seine Gehilfen hausen am Nordpol und haben nichts Besseres zu tun, als Wunschzettel zu sammeln und dann die Geschenke in Akkordarbeit herzustellen.
Die einzige Aufgabe des Weihnachtsmannes ist es, diese Geschenke rechtzeitig und richtig zuzustellen. Er ist ein Dienstleister und seine mythologische Kompetenz erschöpft sich darin, dass er das Urbild des Kaufmanns ist. Wie überhaupt die ganze Geschichte – vom Auftrag über die Auftragsannahme, die Herstellung bis zur Auslieferung – den Traumpfad kapitalistischer Idealvorstellung abbildet. Ein Brief an den Weihnachtsmann genügt, um diese Maschinerie in Gang zu setzen. Alle Waren sind immer und in unbegrenzter Anzahl verfügbar. Selbst die Massenherstellung von Waren wird in dieser Erzählung gefeiert. Sie ist eine Errungenschaft, die endlich die Überschwemmung des Marktes mit billigen Produkten sicherstellt. Und die Elfen? Die sind doch froh, dass sie überhaupt Arbeit haben. Die schuften auch für einen Euro am Tag, oder für Essen und Unterkunft, und ja, sie lachen dabei auch noch.

Der Ursprung der Weihnachtselfen.
Die unterdrückten und ausgebeuteten Weihnachtselfen wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in die Weihnachtsmythologie eingeführt, und sie sind leicht erkennbar ein Produkt kapitalistisch-bürgerlicher Fantasie angesichts der Industrialisierung. Wenig erstaunlich auch, dass die Weihnachtselfen zuerst in der amerikanischen Frauenzeitschrift „Godey’s Lady’s Book“ auftauchen. „Godey’s Lady’s Book“ war ein Blatt für die aufgeklärte bürgerliche Frau und ihre Familie, vergleichbar mit der deutschen „Gartenlaube“ und auch mindestens so einflussreich. Erfunden wurde die amerikanische Weihnachtsmythologie von einer ganzen Reihe von Autoren und Zeichnern, denen aber allen gemeinsam war, dass sie der aufklärerischen Bewegung um Ralph Waldo Emerson und Henry David Thoreau nahestanden. Sie ersetzten die alte Geschichte vom Kind in der Krippe durch einen neuen Mythos. Das wollten sie vermutlich nicht und schon gar nicht war das so geplant. Aber jede Gesellschaft, jede Ideologie bringt ihren eigenen Mythos hervor.

Amerikanischer Mythos – Weltweite Wirklichkeit
Welche Geschichten wir erzählen, ist von immanenter Bedeutung für unsere Gesellschaft und für unser alltägliches und ganz persönliches Leben. Die Geschichte vom Weihnachtsmann und seinen Elfen ist Wirklichkeit geworden. Stellen wir uns folgende Szene vor:
Ein weißer Mann steht in einer Fabrik und beaufsichtigt Minderjährige bei der Arbeit. In Indien nähen die Kinder T-Shirts, in Madagaskar kratzen sie Rinde von Zimtsträuchern und in China stecken sie im Akkord Spielkonsolen und Plastikpuppen zusammen. Jetzt verpassen wir dem Mann ein weißen Bart, einen mächtigen Bauch und ein Weihnachtsmannkostüm, und die Fabriken verlegen wir allesamt auf den Nordpol. Wenn wir jetzt noch den Kindern die Ohren langziehen und ihnen grüne Zipfelmützen aufsetzen, stecken wir mitten drin in der amerikanischen Weihnachtsmythologie. Da geht es nicht mehr um das arme Kindlein in der Krippe in einer bitterkalten Nacht in Bethlehem. Nicht mehr um die Erlösung der Menschheit, sondern darum, dass irgendwelche verzogenen Gören ihr Spielzeug bekommen. Und zwar pünktlich.
Weihnachten als Fest des Raubtierkapitalismus, als Geschichte der Ausbeutung der Schwachen und Hilflosen? Ja, wenn man die Mythologie ernst nimmt, dann ist Weihnachten genau das geworden. Verwunderlich ist das nicht.

Was wir anbeten
In der Mitte jeder Gesellschaft finden wir jene Geschichte, die den Menschen am wichtigsten ist. Wir spielen die Geschichte vom Weihnachtsmann und seinen Elfen nach. Wir laufen in die Geschäfte und kaufen Geschenke, klicken uns im Internet durch ein immer größer werdendes Warenangebot und produzieren dadurch genau jenes Leid, das wir aus der Erzählung von den Weihnachtselfen kennen.
Weihnachten ist von einer rituellen Feier der Geburt Jesu Christi zu einem Ritus des Konsums geworden. Ritualisiert und kultisch verstecken wir die Geschenke, packen sie ein und legen sie unter einen geschmückten Baum. Wer nun glaubt, das sei immer schon so gewesen und da hätte nur der Kommerz einen grundsätzlich christlichen Brauch überdeckt, der irrt. Zu Weihnachten wird erst seit dem 19. Jahrhundert überhaupt etwas geschenkt. Vorher war es der 6. Dezember und damit der Vorgänger unseres Santa Claus, der den Kindern ein paar Nüsse und vielleicht eine Tafel Schokolade brachte.
Wie jeder Mythos, der so vehement innerhalb einer Gesellschaft erzählt und gelebt wird, bringt auch dieser seine ihm eigene Wirklichkeit hervor. Deshalb ist es nicht gleichgültig, welche Geschichten wir erzählen. Es ist nicht gleichgültig auf welchem Mythos wir unsere Wirklichkeitskonstruktion gründen. Denn wir leben in der Welt, die wir uns erzählen.
Schon lange habe ich die Erzählung nicht mehr gehört, die da beginnt mit den Worten: „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde ...“ 

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